Mit einem interreligiösen Team von 22 Personen, konnten wir am vergangenen Wochenende das Interreligiöses Sportfest in Villeneuve-Saint-Georges – vor den Toren von Paris – feiern. Mit im angereist waren 14 Jugendliche aus Villeneuves Partnerstadt Kornwestheim. Neben fairen und ausgeglichenen sportlichen Begegnungen war reichlich Raum für den Austausch zwischen hochrangingen Vertreter:innen der Religionsgemeinschaft in Frankreich und Deutschland. Auch Bürgermeisterin Kristell Niasme gab uns die Ehre. Von Philipp Geißler
Voller Vorfreuden, aber auch ziemlich aufgeregt sind wir, das sind Pfarrer Albrecht Knoch und ich, am vergangenen Freitag nach Paris aufgebrochen, um Ort zu sein, wenn unser Team, verteilt über den Samstagnachmittag am Gare de l`Est ankommen würde. Mit in der Gruppe: Shigeko Fukui-Fauser die Leiterin der Buddhistischen Gemeinde Ludwigsburgs, Dr. Sonja Rupp, Fachreferentin für interreligiösen Dialog der Diözese Rottenburg-Stuttgart und Muhittin Soylu, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft Baden-Württemberg. Unterstützt durch Dr. Frank Zeeb, der dankbarerweise als weiterer Übersetzer fungierte, wollten wir beim Sportfest „Le Ballon de la Foi“ unser interreligiöses Team unterstützen und am Rande der Veranstaltung interreligiöse Kontakte pflegen und neu knüpfen. Aber der Reihe nach:



Angefangen hatte alles mit der Teilnahme von Pfarrer Albrecht Knoch am EMOUNA Studium, bei dem geistliche Leiter aus Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus, der Bahai aber auch Vertreter des Laizismus an drei, über ein Jahr verteilenten, Wochen gemeinsam die Religion der jeweils anderen studieren und am Ende ein gemeinsames Projekt verwirklichen. Am Ende diese Studienzeit hatte Pastorin Fabiola Massengue aus Villeneuve-Saint-Georges die Idee eine interreligiöse Begegnung durch Sport zu ermöglichen. Im Austausch mit Albrecht Knoch erfuhr sie dabei, dass der Landesarbeitskreis Kirche und Sport in Württemberg schon zwei ähnliche Sportfeste auf die Beine gestellt hatte. Schon nach dem ersten Austausch war klar, dass wir dieses Projekt gemeinsam angehen wollen.
Schönerweise haben sich im Laufe der Vorbereitungen so viele wunderbare Zufälle ereignet, dass das im Grund kleine Sportfest sich im Hinblick auf die interreligiösen Begegnungen zu einem echten Großereignis ausgewachsen hat: Den Anfang machte der Umstand, dass „Kirche und Sport“-Vorstand Frithjof Rittberger mich gebeten hatte, seine Kollegin Dr. Keim zu informieren, die das Referat Mission und Ökumene leitet. Von Dr. Keim erfuhren wir, dass es sich bei Villeneuve-Saint-Georges um die Partnerstadt von Kornwestheim handelt. Eine Kontaktaufnahme mit der Stadt – Danke an Frau Schüssler und Herrn Wanitschek – führte nicht nur dazu, dass 12 Jugendliche von aus der St. Martinus Gemeinde und 2 Muslimische Spieler der IGBW, sich – mit offiziellen Grüßen von Oberbürgermeister Lauxmann und der Stadt Kornwestheim im Gepäck – zum Sportfest aufmachten, sondern auch dazu, dass unsere kleine Sportliche Zusammenkunft in Villeneuve-Saint-Georges einen hohen Stellenwert erhielt.



Um zu verstehen als wie hilfreich Frau Dr. Keims Hinweis sich erweisen würde, muss man wissen, dass in Frankreich öffentliche religiöse Zusammenkünfte grundsätzlich mit großem Misstrauen beäugt werden. Religion ist Privatsache und alles, was auch nur den Anschein erweckt, jemand solle in Bezug auf seine Weltanschauung vereinnahmt, oder gar „überwältigt“ werden ist dem Staat ein Dorn im Auge. Wenig verwunderlich also, dass Organisatorin Fabiol Massengue im Vorfeld des Sportfestes vom Vertreter des Polizeipräfekten vorgeladen wurde, um zu erklären, was das für eine Zusammenkunft sei.
Da die, gerade frisch im Amt bestätigte, Bürgermeisterin Kristell Niasme aber bereits im Vorfeld über die Anreise eines Teams aus der Partnerstadt unterrichtet war, unterstützte sich unser Vorhaben nicht nur, sondern war am Sportfest selbst für mehrerer Stunden anwesend und übernahm sogar die Ehrung der teilnehmenden Teams. Ganz abgesehen davon hatte Bürgermeisterin Niasme das doppelte Ziel unserer Veranstaltung klar erfasst und für gut befunden: Durch Bewegung die Menschen zusammenzubringen, denen eine vielfältige und gleichzeitig starke demokratische Gesellschaft am Herzen liegt und die sich nicht durch Ressentiments oder extreme Ansichten auseinanderbringen lassen wollten. Hierzu sagte die Bürgermeisterin wörtlich: „Das kann ich genau so unterschreiben!“



Weitere glückliche Umstände waren, dass sich auf deutscher Seite Menschen Shigeko Fukui Fauser, Dr. Sonja Rupp und Präsident Soylu für die Reise nach Villeneuve angemeldet haben. Dadurch bekam unsere Reise nicht nur zusätzliches Gewicht, sondern unsere französischen Partner ergriffen in der Folge ihrerseits die Chance und nutzten das Sportfest als Chance zum interreligiösen Austausch. Neben der Bürgermeisterin und der Beigeordneten für Kirche und Vereine, durften wir nicht nur die Vertreter, der evangelischen und katholischen Gemeinden, sondern mit Schneour-Zalman Lubecki auch den Rabbiner von Villeneuve-Saint-Georges begrüßen, der für die über hundert jüdischen Familien am Ort zuständig ist. Dass darüber hinaus buddhistische Vertreterinnen aus Paris zum Sportfest kommen würden, weil sie schön länger auf eine Gelegenheit zur interreligiösen Vernetzung gehofft hatten, war ebenso schön, wie der Umstand, dass der Vertreter des örtlichen Fußballverbands, der gleichzeitig als Sozialarbeiter im Quartier tätig ist, unser Sportfest besuchte.
Eine ganz besondere Freude und Ehre war, dass Imam Mohammed Azizi, (zusammen mit seinem Freund, Rabbi Michael Serfaty) Mitinitiator des „Bus de la Paix“ und (gemeinsam mit Rabbinerin Pauline Bebe) Mitbegründer des Programms EMOUNA an der Sciences Po das Sportfest besuchte und sich den gesamten Nachmittag für den interreligiösen Austausch zeitgenommen hatte.



So wurde das kleine Sportfest zu einem doppelten, dreifachen, vierfachen Ereignis: Als Begegnung zwischen den Vertreter:innen der Partnerstädte Villeneuve und Kornwestheim. Als Begegnung zwischen Kommune und Religionsgemeinschaften als starke Partner für das gesellschaftliche Miteinander. Als Gelegenheit zur Interreligiösen Begegnung zwischen wichtigen Vertretern aus Deutschland und Frankreich und natürlich zum sportlichen Miteinander der jugendlichen unterschiedlicher Religionen aus Deutschland und Frankreich.
Angetreten waren insgesamt 5 Teams, die sich in Partien von 8 gegen 8 auf dem Halbfeld im Fußballspiel maßen. Obwohl das Wetter wenige einladend und die gelegentlichen starke Schauer sehr unangenehm waren, war die Begeisterung und die Fairness, mit der die Teams aufeinandertrafen, ganz wunderbar mitzuerleben. Ehrgeiz rangen die Spieler:innen um jeden Punkt. Trotzdem waren im Verlauf des Nachmittages keine Handvoll Regelverstöße und keine einzige gelbe oder gar rote Karte zu verzeichnen. Die herzlichen Handschläge und Umarmungen im Anschluss an jeden Match waren ein Spiegelbild des Miteinanders auf dem Paltz. Einziger Wermutstropfen war, dass Kiril Denisov, Vizepräsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands und ein toller Sportler, krankheitsbedingt kurzfristig nicht anreisen konnte.




Am Ende entschied das Team des FC Muslim das Turnier, knapp aber verdient für sich. Gefolgt von den Spielern des J.C. Croix. Das interreligiöse Team aus Deutschland, in dem christliche, muslimische und buddhistische Spieler:innen gemeinsam antraten, erreichte nicht nur den dritten Platz, sondern erhielt – als Team aus der Partnerstadt – obendrein noch einen kleinen Ehrenpokal. Besonders schön: Bürgermeisterin Kristell Niasme übernahm nicht nur die Ehrung aller Beteiligten, sondern erhielt für Ihr Engagement auch selbst eine Medaille, über die sie sich sichtlich freute.
Es bleibt, Danke zu sagen: Danke an Pastorin Fabiola Massengue und Ihre Familie! Danke an Bürgermeisterin Nisame und die Stadt Villeneuve! Danke an Pfr. Albrecht Knoch, der wesentlich dazu beigetragen hatte, die Reise zu organisieren! Danke an alle, die sich auf den Weg nach Villeneuve gemacht und/oder diese Begegnung durch Hinweise im Vorfeld mit vorbereitet haben. Und schließlich gilt ein ganz besonderer Dank an den Vorstand „Kirche und Sport Württemberg“ – namentlich Ordinariatsrätin Karin Schieszl-Rathgeb, WLSB-Präsident Andreas Fechle und Kirchenrat Frithjof Rittberger, die dieses Projekt von vornherein unterstützt und die Mittel zu dieser Reise bewilligt haben.

