Weltkarte im Herzen neu zeichnen

In Zeiten großer, beängstigender Krisen und Kriege und gefühlt zunehmender Polarisierung in der Gesellschaft sind Initiativen für ein offenes, zugewandtes Miteinander höchst willkommen, ja sogar lebenswichtig. Insofern ist dem Landesarbeitskreis Kirche und Sport mit einer besonderen Premiere ein außergewöhnliches Zeichen gelungen: beim 1. Interreligiösen Spaziergang am vergangenen Sonntag auf der Laichinger Alb. Auf Anhieb hatten sich 40 Personen angemeldet: Christen, Juden, Muslime und Buddhisten. Die verabschiedeten sich nach fünfeinhalb Stunden bereichert und dankbar über den regen Austausch von der Schwäbischen Alb – von Klaus Vestewig mit einem Video von Yunus Gültekin und Bildern von Philipp Geißler



„40 Leute ist eine gute Premiere. Der Interreligiöse Spaziergang kann ein Multiplikator sein. Diese gute Idee ist aus unserem Interreligiösen Sportfest herausgewachsen. Beim Spazierengehen und Wandern kann man sich besser austauschen, als bei anderen Gelegenheiten“, resümierte Andreas Felchle vom Vorstand des Landesarbeitskreises Kirche und Sport. Der Präsident des Württembergischen Sportverbandes (WLSB) könnte sich sehr gut vorstellen, dass bei der dritten Austragung des Sportfestes, nämlich 2027 in Ludwigsburg, der Interreligiöse Spaziergang miteinbezogen werde – auch um dem Treffen noch mehr Breitenwirkung zu verschaffen.

Er und seine Kollegen, so erinnert sich Felchle, hätten sich damals im Vorfeld des zweiten Sportfestes angesichts des aufgeflammten Gaza-Krieges gefragt, ob man so etwas unter diesen Umständen überhaupt veranstalten könne. „Vor allem die jüdisch-muslimischen Gemeinschaften haben sich aber dafür ausgesprochen, dass sie sich gerade deswegen begegnen sollten.“ Eine eindrucksvolle Reaktion.

Auch jetzt beim Interreligiösen Spaziergang war von Anfang an Kooperation angesagt. Organisator Philipp Geißler, Sportbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, hatte es verstanden, in seinem Wohnort den Albverein Feldstetten – mit zwei bewährten Tourenführern (und der Heimatstube) – und den Heimatverein der Gemeinde – mit geöffnetem Museum und Pfarrstube aus der Zeit um 1860, auch der Dorfladen war an diesem Tag offen – mit ins Boot zu bitten. Ein würdiger Rahmen unter dem hoch aufragenden, prächtig geschmückten Maibaum des 1200-Einwohner-Dorfes. Die vier je etwa 2 ½ km langen Wegstücke sollten durch die reizvolle Landschaft um Feldstetten zu schönen Aussichts- und Rastplätzen führen. Jedes der Teilstücke wurde von einer der vier Religionen mit einem Wort zum Weg eingeleitet. Das passende Thema: Gastfreundschaft.

„Das Haus für Fremde offenhalten“

Die jüdische Gemeinde macht vor dem Start der gemeinsamen Wanderung den Anfang. „Mitwa bedeutet bei uns eine gute Tat, um Freude zu bewirken, eine gesellschaftliche Verpflichtung. Mit dem Hereinholen von Fremden erweist man Güte“, verdeutlicht David Holinstat von der Israelischen Glaubensgemeinschaft Württemberg (IRGW). In der Bibel gebe es dafür viele Beispiele. „Man sollte das eigene Haus immer für Fremde offenhalten, damit sie gleich eintreten können.“ Schon früher hätten die Rabiner in einem Zelt vor dem eigenen Haus gesessen, nur, um eben nicht zu verpassen, wenn Fremde vielleicht an der Tür stünden. Etwas überraschend sollte sich im weiteren Verlauf der kleinen Wanderung herausstellen, dass die Gastfreundschaft bei allen vier Religionen einen sehr hohen Stellenwert genießt.

Christa und Rolf Kazmaier, Tourenführer an diesem Tag, souverän und kompetent, führen die Gruppe aus Feldstetten hinaus, dann sanft ansteigend auf eine erste Kuppe, den Nattenbuch (822 m). „Wir wollen den Leuten etwas zeigen von unserer Umgebung“, so das Albvereins-Duo unisono. Zum Beispiel hier im Naturschutzgebiet die Nattenbucher Hüle, eine eingewachsene, nicht abfließende Wasserstelle mit einem kleinen Steg, nur zwei bis drei Meter tief. Dort soll nach einer Sage einmal ein Schäfer ertrunken sein.

Zwei Tourenführer vom Albverein

An drei Samstagen im Oktober ist Rolf Kazmaier, Vorsitzender der Ortsgruppe Feldstetten, mit seinen Kollegen damit beschäftigt, den idyllischen Tümpel freizuschneiden. Ob er sich gewundert habe, als angefragt wurde, ob er bereit sei, an diesem Mai-Sonntag zusammen mit seiner Frau eine Gruppe aus verschiedenen religiösen Traditionen hier herumzuführen? „Nein, das ist spannend, und das in unserem kleinen Flecken“, antwortet der gebürtige Grabenstettener: „Es war immer klar, dass wir Philipp Geißler unterstützen.“

Wir nähern uns der ersten Verpflegungsstation beim Hundeverein. Constanze Geißler mit dem Catering und Jürgen Stark mit dem Transport haben bei der Vorbereitung mächtig gewirbelt. Sie empfangen die Gruppe mit großer Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft – und leckeren Speisen. Über die Synagoge Ulm wurden auch koschere Snacks bestellt, über Feldstettener Freunde auch Speisen, die halal sind, in Ehingen besorgt. Ein Renner sind auch Reisbälle mit Algen, die buddhistische Gäste mitgebracht haben. Kein Wunder, dass sich angesichts dieses üppigen, vielfältigen Menüs, der Getränke und der interessanten Gespräche die eingeplante 20-minütige Rast deutlich verlängert.

Die Offenheit der Hütten

Dazu passt das Geleitwort der muslimischen Gemeinde zur zweiten Wegetappe bestens. „Bereitet den Gästen Speisen, ohne zu fragen, zögert nicht“, fordere seine Religion beim Thema Gastfreundschaft, versichert Tuncay Dinckal, der muslimische Sprecher des Hauses Abraham in Stuttgart. Es gehe um Großzügigkeit, um die Offenheit der Hütten. Für den Interreligiösen Spaziergang dieses Tages lautet Dinckals Wunsch so: „Unterwegs zu sein mit Fremden, die am Ende des Wegs zu Freunden werden. Ich hoffe, dass am Ende dieses Tages alle an ihren Wirkungsort zurückkehren und über den Tag erzählen.“ Wenn man das Hobby Wandern mit dem eigenen religiösen Anliegen verbinde, sei das ein guter Weg.

Auf dem Weg zur zweiten Raststation passieren wir die „schönste Aussichtsbank von Feldstetten – Hinsetzen, Entspannen, Genießen“ (Rolf Kazmaier), gleich darauf das sogenannte Brünnele auf 830 m Höhe. Mittels der dortigen uralten Wasserpumpe kann man sich per Muskelkraft mit kühlem Naturwasser erfrischen. Das ist durchaus selten auf dem Karstplateau der Alb, auf dem Wasser in dem leicht löslichen Kalk in der Regel sehr rasch versickert.

Nach der nächsten Rast gibt die buddhistische Gemeinde den Leitspruch für den nächsten Wegabschnitt vor. Im Buddhismus gehe es um Erleuchtung. „Wenn man anderen Menschen Nahrung gibt, verbessert man sein Schicksal, so wie man zum Beispiel seinen eigenen Weg erhellt, wenn man für andere ein Licht anzündet“, zitiert Christian Duncker von der buddhistischen Laienbewegung SGI in Aulendorf seinen Lehrmeister Daisaku Ikeda. Er lehre mit diesen Worten, dass der Einsatz für das Glück anderer auch unser eigenes Leben vor Glück zum Strahlen bringe. Das Ziel: „Wenn wir als Individuen Freundschaft und Mitgefühl nutzen, um die Weltkarte in unserem Herzen neu zu zeichnen, dann wird die Welt um uns herum auch tatsächlich anfangen, sich zu verändern.“ Impulse für Gespräche auf dem Weg zur nächsten Kuppe, dem Hagsbuch (813 m).

Ehre, Gastgeber sein zu dürfen

Um das Thema Gastfreundschaft kreist auch das christliche Geleitwort von Achim Wicker von der Diözese Rottenburg. „Jesus stellt sich auf die Seite von Fremden und Leuten in Not“. Jesus habe selbst Gastfreundschaft erfahren, z. B. bei der Hochzeit in Kanaa. Wer einmal Sklave in einem fremden Land war, der müsse auf Fremde achten, die unter uns sind, weil man selbst wisse, wie das sei, ergänzte Wicker. Gäste aufzunehmen, bedeute immer auch, Gott zum empfangen. In der Ordensgemeinschaft der Benediktiner heiße es z. B. „alle Gäste, die kommen, sollen mit Christus kommen“. Wicker hat zur Raststelle Martinskipfel mitgebracht, die man mit anderen Menschen teilt. Die habe er auf dem Martinusweg in Ungarn kennengelernt. Dort werde es als Ehre empfunden, Gastgeber sein zu dürfen.

Mit dieser Botschaft geht es beim 1. Interreligiösen Spaziergang schließlich auf den letzten Wegabschnitt. Vorbei an einem weiteren Tümpel im Wald, der Hagsbuchhüle, früher vielleicht ein Ort für eine Viehweide oder einen Hof. Ein kurzer Abstecher zum Hohlen Stein vom Hagsbuch lohnt sich. Die eindrucksvolle Überdachungshöhle ist 12 m lang und 22 m  breit. Wie Rolf Kazmaier anmerkt soll nach einer Sage hier der alte Waldgraf von Laichingen gewohnt haben. Und im Hohlen Stein soll sich ein Saal voller Schätze befunden haben.

Projekt über vier Generationen

Der Schatz von Elisabeth und Gerhard Enderle sind ihre 165 Kühe, die 5000 Bürger pro Tag mit Milch versorgen können. Auf dem Tannhof des Landwirts-Ehepaar genoss die Gruppe am Schluss noch eine kleine Einkehr mit viel Wissenswertem, auch modernsten Methoden, über die Viehzucht. Der Hof der ehemaligen Ortsvorsteherin von Feldstetten ist ein spannendes Projekt, das sich bereits über vier Generationen erstreckt.

Der Besuch auf dem Hof war ein passender Endpunkt einer durch große Offenheit und regen Austausch untereinander geprägten Premiere des Interreligiösen Spaziergangs. Noch begünstigt – vielleicht dank multireligiöser Fürbitte – durch den Umstand, dass die von den Wetterdiensten für den Nachmittag vorhergesagte Schlechtwetterfront tatsächlich nie aufzog.

Begegnung durch Bewegung

„Es war so eine spannende Durchmischung, Gespräche in vielen unterschiedlichen Konstellationen – etwas Schöneres kann man sich gar nicht vorstellen“, bilanzierte Philipp Geißler, von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit reichlich Beifall bedacht, hochzufrieden. Begegnung durch Bewegung, davon seien er und seine Frau überzeugt: Wenn man Menschen in Bewegung bringe, dann tue sich auch untereinander etwas. Ein Spaziergang als niederschwelliges Angebot. Er zeigte sich dankbar, dass dieses so gut angenommen worden war.

Am Ende eines Tages, der viel Hoffnung geweckt hat, versicherte Geißler bewegt: „Ich will immer an diesen Tag denken, wenn ich traurig werde, weil so viel Unfriede ist in der Welt. Es geht auch anders!“

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